Akustische Fotografie Event im VIA Offenburg

Januar 19, 2016

Kultur-Neugierige auf Akustische Fotosafari im VIA.
Die Franz-Volkstr. 8a hat mich wieder einmal angelockt mit einem Abend der etwas anderen Art von Kunstgenuss.
Mit so einer Veranstaltungen stösst VIA in für Offenburg ungeahnte Räume für Kulturwissbegierige vor.

Was kann man sich unter „Akustischer Fotografie" vorstellen? Acoustic Photography – was kann das sein?
Im Grunde die Symbiose von gleich 2 experimentellen Künsten.
Musik ohne Instrumente, jenseits von moderner Musik und
Fotos ohne… Kamera ( sollte man meinen), jenseits einer realen Abbildung, ohne die herkömmliche Belichtung.

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Ich möchte über diesen eindrucksvollen Abend berichten, weil er mich regelrecht zurückkatapultiert hat in meine Sturm- und Drangzeit als jungen Fotografen der Siebziger!

Seit 1991 beschäftigt der Musikjournalist Michael Rüsenberg sich auch als Komponist und Hörspielautor mit Klangkunst. Bei seinen Werken geht er von Originalklängen aus, die er durch Montage verdichtet. Er präsentierte uns an diesem Abend in sich fliessende Bildkompositionen des Leverkusener Fotografen Peter Hölscher mit seinen z.T. ort- und zeitgleich aufgenommenen Klangbildern. Rüsenberg sammelte Originaltöne, Geräusche, Blätterrauschen, Parkbesucher, um diese dann zu Hause zu verfremden, zu intensivieren, zu verstärken und zu ziehen und diese zu ganzen Geräuschkulissen zu verdichten. Dieser Link führt zu einigen seiner Klangkomposition. Dabei fiel mir das Stück „Zoobrücke" besonders auf. Für seine Klangbilder inspiriert sich Rüsenberg  mit Hilfe der Bilder und ergänzt diese zu einem fliessenden Ton-Bild-Gemälde.

Die Komposition „Reuschenberger" zeigt eine Elektromühle bei Leverkusen.  Für die ungewöhnliche Klang-Bild-Reportage begingen Hölscher und Rüsenberg den Ort gemeinsam. Der eine mit Kamera, der andere mit Microphon. So hat Rüsenberg auch bei der 2. gezeigten Projektion „Lohberg" die Bilder von Hölscher einer stillgelegten Zeche in Dinslaken-Lohberg mit Klängen unterlegt, die er im Hafen von Gdansk/Danzig in Polen aufgenommen hat. Das Dritte an dem Abend gezeigte Bild-Ton-Werk von beiden – „Im Waldfrieden" – wurde in einem Skulpturenpark mit Werken des Künstlers Tony Cragg aufgenommen. Auch ein Bericht in der BZ beschreibt die 3 Stücke.

Rüsenberg und Hölscher haben diese Kombination zur Perfektion getrieben! Die Bilder zu den gezeigten Zyklen  sind surreale Verwischungen und Farbtänze. Eine extrem langsame Überblendprojektion mit mehreren Fotos gleichzeitig schafft die Illusion eines verschmelzenden Gemäldes. Sie lösen sich ineinander auf, gleichzeitig entstehen andere, wabernde Eindrücke. Lange, aber genau kalkulierte Belichtungszeiten bilden durch sich akkumulierende Lichter immer neue und überraschende Verfremdungen der realen Motive, die man meist nur erahnen kann.

Man muss sich das vorstellen wie eine Aquarellmalerei, bei der Farben mit immer mehr Wasser im Pinsel verzogen, verflüssigt, feiner werdend ineinander fliessen bis schliesslich nur noch einen Rausch von Farben auf dem Papier bleibt.  Beim Foto ersetzt sich die Farbe durch Licht. Je nachdem, an welcher Stelle im Bild das Licht auftrifft und wie lange das Licht auf den Bildträger einwirkt, addiert es sich immer weiter in  Licht und Schatten hinein,  Herkömmlicher Weise ist diese Zeit bei einer realen fotografischen Abbildung der Bruchteil einer Sekunde. Hier aber wirkt das Licht länger auf die lichtempfindliche Schicht ( beim analogen Film) bzw. den digitalen Sensor, also praktisch immer auf die selbe Fläche. Dabei addiert sich Licht und Farbe immer mehr. Bei zu langem Offenhalten des Kameraverschlusses  bis hin zum völlig weissen ( überbelichteten) Bild. Bewegt man während dieser Belichtungszeit zusätzlich noch die Kamera, dann verschieben sich die Überlagerungen noch an verschiedene Stellen im Bild. Jedes Zittern, Schütteln, Drehen der Kamera überträgt sich in die Abbildung. Das Ergebnis sind völlig surreale Bildkreationen.

Nun könnte man meinen, das ganze ist recht zufallsorietiert. Ist es aber nur im Anfangsstadium, wenn man sich an solche Experimente macht. Je mehr man sich hineinfindet in die Welt der Lichtimpulse auf Film oder Sensor, desto gezielter werden die Bewegungen, um ganz bestimmte Effekte und Überlagerungen zu erreichen und vor allem um an manchen Stellen wohl dosierte,  gerade noch zu erahnende Konturen zu belassen. Eine starke visuelle Vorstellungskraft des Fotografen ist unabdingbar, um die Lichtmalereien als gerade noch zu erahnende Bildinhalte vorher zu denken.

Hölscher hat seine Technik so weit verfeinert, dass er seine Bilder bewußt in bestimmte Ergebnisse lenken kann. Seine eindrucksvollen Kompositionen zeigt er auf seiner Website.

Für Fotoaffine: In der Pause vor der Werkhalle von VIA zeige ich oben im Fotomosaik ein paar schnell fotografierte  Langzeitbelichtungen, welche ich bei der Belichtung aus der Hand schön verrissen habe. Davor jeweils das Foto mit halbwegs normaler Verschlusszeit. So kann man sich diese Technik leichter verbildlichen.

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Was mich dabei an meine Jugend erinnert?

Als junger Fotograf bin ich selber sehr Ton-neugierig mit allem Geräusch umgegangen und hatte mit Freunden regelrechte Sessions, bei denen wir mit allen möglichen Fotorequisten Töne produzierten oder die Natur belauschten. Unser Liebstes war das 1 Meter Chromblech der Hochglanztrockenpresse. Das zu schwingen, ergab Donner und Schwirren at its best. Noch heute kann ich an keiner quietschenden Tür vorbei gehen, ohne intensiv in sie hineinzuhören, sehr zum Leidwesen meiner Mitmenschen.  Wir hatten damals  dieses Quietschen auf Band aufgenommen und dieses dann immer langsamer abgespielt, bis Knarren sich anhörte wie Knattern von Maschinengewehr Salven, um schliesslich in ohrenbetäubendem Donnern von Kanonenschüssen mit langem Hall endete. Absichtlich „verwackelte" Bilder machten wir damals aus Freude am Experimentieren – von Banausen abgetan als  „daneben gegangene" Fotos -, denn Langzeitbelichtungen faszinierten uns, aber die damalige Welt der Fotografie hatte für solcherlei „Spirenzchen" nichts übrig. Und gar unsere Fun-Geräusch-Sessions zusammen mit solchen Fotos zu kombinieren, kam uns damals auf keinen Fall vorzeigbar vor.

029_beege_foto_event_TunnelEin Foto mit einigen Sekunden belichtet aus dem fahrenden Auto im Gottard Tunnel. Der finstere Tunnel wird durch Licht Addition zum strahlenden esoterischen Gebilde.

Wer das selber ausprobieren will: Die Automatik einer Kamera birgt schon mal eine Basis über die richtige Dosierung der Zeit zur passenden Blende. Fotoapparat auf AV stellen, Motiv anvisieren, Auslöser vorsichtig nur bis zum Druckpunkt drücken, Blende so lang schliessen bis eine genügend lange Verschlusszeit angezeigt wird, auslösen und ruhig halten oder eben während der Belichtung entsprechend  bewegen oder eben beides kombiniert. In der Regel muss man aber tagsüber völlig anders arbeiten, als z.B. abends oder nachts, wo es viel leichter ist, Licht in ein und demselben Bild zu überlagern.  Voraussetzung: Die passende, meist kleine Blende und eine nierdrige ISO Zahl. Evtl. auch einen Graufilter vorsetzen, wenn das Tageslicht zu hell ist, um eine entsprechend lange Verschlusszeit zu erreichen.

In meiner Vision des oSt (Open Studio) im „Spinnerei-Verein" stelle ich mir vor, dass wir in dem von der Stadt zugesagten Kultur- und Kreativzentrum im Rahmen unseres Spinnerei-Kreativraum am Mühlbach e.V. auch solche gelenkte  Experimente mit der Kamera durchführen können… Nach dem Aus für den Standort in der alten Spinnerei in Offenburg zögert sich das jetzt nun noch weiter hinaus.

Ich könnte mir deshalb vorstellen so einen Workshop einfach mal im VIA vorzuziehen ;-) Gibt es Interesse?

 

Ich bedanke mich bei Herrn Rüsenberg für das eindrucksvolle Bild- und KLangerlebnis. Ich bin den rührigen Studentinnen der kleinen, feinen VIA „Kunstwerkstatt" sehr dankbar, dass es ihnen gelang, dieses Kunsterlebnis  an-zu-ziehen.

Beegee

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Peter Hölscher
19.01.2016 20:48

Na das war ja eine Überraschung heute Abend! Michael Rüsenberg schickte mir den Link zu deinem Blog. Selten, dass jemand so qualifiziert (feinsinnig) und gleichzeitig begeistert über unsere Arbeit geschrieben hätte – und dazu noch eine verwandte Seele (ähnlichen Alters;-).
Ich hab mir natürlich auch deine „lichtbildnerische" Arbeit angesehen und ich kann sagen, das verstärkt dein Kompliment.
***
Als Du deine Sound- und Fotoexperimente mit deinen Freunden gemacht hast, war ich möglicherweise ganz in der Nähe. Ich hab nämlich meinen Zivildienst in Lahr abgeleistet. Ich erinnere mich gerne an die Zeit und an die Landschaft.

Vielleicht sehen wir uns ja mal. Ich nehm dich jedenfalls in meinen Verteiler auf, wenn Du nichts dagegen hast. Wenn Du auch einen hast, tu mich rein ;-)

Viele Grüße
Peter

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Wilfried Beege
19.01.2016 22:01

Sehr gerne! So kann ich erfahren, wenn wieder mal was von Dir/Euch im Busch ist!
Beegee

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Jörg Bongartz
21.01.2016 15:53

Lieber Beegee, Dein Bericht über dieses Kultur-, Kunst- und Lichterlebnis ist eine wahre Freude!! Schade, dass ich das verpasst habe, mir hätte das mit Sicherheit ebenfalls sehr viel Freude bereitet!! Herzliceh Grüße und bis bald,
Jörg

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Wilfried Beege
21.01.2016 19:18

gibts sicher wieder, so gut wie das besucht war! Melde mich dann rechtzeitig oder… Du abonnierst VIA Offenburg. Die machen im Kleinen das, was unser Verein in etwas umfassender vor hat ;-), Beegee

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