Beege fotografiert Atelier Anna Higgs, Offenburg

Oktober 11, 2015

OAO September 2015
50 Kunstschaffende luden in ihre Räume ein. So landete ich nach der Kunsthalle Griesheim unter anderen auch im Atelier Anna Higgs. Ermöglicht wurde die großangelegte Aktion vom Fachbereich Kultur der Stadt Offenburg unter Carmen Lötsch.
Die Besucher konnten sich quasi ihre eigene Kunstroute zusammenstellen und mit den Künstern/Innen direkt ins Gespräch kommen.

Kennen gelernt hatte ich die Offenburger Künstlerin schon vor Jahren bei Elternabenden. Waldorfeltern kennen sich auch nach Jahren noch. Aber dass sie Kunst studierte habe ich erst viel später bei Vernissagen oder einer ihrer Ausstellungen erfahren. Näher lernte ich sie erst bei einem Treffen zur Umwidmung der Denkmal geschützten alten Spinnereigebäude kennen. Wir gründeten da den SPINNEREI-Kreativraum am Mühlbach e.V. Anna trug und trägt bis heute, wie ich, die Idee von Anfang an begeistert mit. Als wir dann einmal bei ihr im Atelier eine Sitzung abhielten, war mir klar: So ein kreatives Chaos wie dort kann nur eine Vollblut Künstlerin hervorrufen.

Ein Atelier mit Unmengen an Malwerkzeug und Farben, voller bemalter Leinwände. Bilder von skurril bis zeitgenössisch, von abstrakt bis hyperrealistisch alles immer wieder vermischt, übermalt, getüncht, manchmal besprüht mit typografischen Zeichen, Worten. Miniformate, Normale, Übergrosse.…d azwischen Tische voller kleiner Installationen, Schuhspanner, Karten, kalligrafische Zeichnungen, Krimskrams umfunktioniert zu kleinen Kunstwerken … man kann sehen, da ist jemand ununterbrochen kreativ.

Und die Vitrinen voller Nippes, Kartons stapelweise auf den Schränken fein säuberlich beschriftet mit orange, rot, blau… darin allerlei Krimskrams, Ab- und Ausrisse von Papierschnipseln, Tapetenresten, Fundsachen aus Müll und Abfall… wieder zu finden in akribisch geklebten Popart Paneelen dort eine stilisierte Sixtinische Madonna bildend, da einen Elvis oder Michael Jackson.

Mittendrin ein Raum mit Tisch, Stühlen, Sofa umgeben von überbordenden Regalen und Schränken Ganz besonders faszinierte mich der Boden … Mitten unter dem schweren Eichentisch mit gedrechselten Beinen zog eine Farbenagglomeration meinen Blick an, die gut hätte ein monumentales Gemälde ergeben können, wäre es nicht der Boden des Raumes gewesen.

Anna erzählte mir von diesem „Unfall" nach dem Malen eines grossen Polyerster Banners . Beim grosszügigen Auftrag von Farben ist ein Teil der Acrylfarben durch das Polyester gesintert und hat sich in den Linoleumboden eingefressen. Eifriges Schrubben und Versuche, den Boden wieder sauber zu bekommen war zwar vergeblich, ließ den aber erst recht wunderbar verwaschen und verwischt dieses „Zufallswerk" entstehen. Das Bild blieb und wurde fortan im Atelier Anna Higgs wohlgelitten, gab es dem Raum doch erst recht den rechten Touch eines Künstlerateliers.

Den „Abdruck" im Boden fand ich dermassen gelungen, den könnte man glatt als Werk durchgehen lassen, würde man das Linoleum sauber ausschneiden und an die Wand verbringen… aber Anna fand das dann doch nicht so prickelnd.

Ihre Bilder entstehen keinesfalls auf eine zufällige Art.

Dazu sind diese viel zu akribisch und detailgenau gemalt, ja ziseliert. So genau, dass ich als Fotograf bei einigen Bildern die Augen kneifen musste, um überhaupt zu erkennen, dass es sich um ein Gemälde handelte. Es sah aus wie eine auf Leinwand aufgezogene und auf Keilrahmen gespannte, verblüffend realistische Fotografie.

Immer wiederkehrt in ihren Werken das Motiv von Wänden, verwitterten Strukturen aus denen Fenster, Figuren, Kinder starrten oder eine uralte Ziegelwand, aus der sich wulstige Lippen riesig hervorwölben, oder aus vielen stählernen Schindeln sich ein Helm bewehrtes Gesicht entpuppt. An anderer Stelle stapelten sich Bilder mit Landkartenübermalungen, eine jede fein säuberlich in Klarsichtfolien verpackt.

Anna zieht einen Bogen aus dem Stapel und erklärt: „Zeitgeschehen ist ja mein Lebensthema und was „in der Zeit“ geschieht, setze ich malerisch um. Hier habe ich das Flüchtlingsthema aufgegriffen und einen einzelnen Ruderer symbolisch für alle Flüchtlinge im Meer der Landkartenseite ausgesetzt und da diese Menschen alles aufgeben und buchstäblich nur noch „ihr letztes Hemd“ besitzen, taucht auch dieses im Meer der Karte auf…" Thematisch schon fast idealisiert. Eindrucksvoll! Alles ist voll von Gesammeltem. Materialien, Zeitschriftenausrissen, auch die sortiert in Regalen und natürlich auch auf dem Boden, so dass ich beim staunenden Fotografieren eher steigen muss als gehen. Mehr noch als mit Worten kann ich das Atelier Anna Higgs mit Fotos beschreiben, weshalb ich jetzt den „Rand" meiner Tastatur halte…

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